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Körperverletzung bei Impfung eines Kindes gegen den Willen der Mutter?

Die Front der Impfgegner scheint zunehmend größer zu werden. Daß in diesem Zusammenhang ärztliches Verhalten durchaus zum Fall für den Strafrichter werden kann, zeigt eine Entscheidung, die unjüngst vom Amtsgericht Nordenham getroffen worden war [Urteil vom 13.07.2007, Az.: 5 Cs 135 Js 52229/04 (241/05)].

In dem dortigen Verfahren waren zwei Ärzte wegen vorsätzlicher Körperverletzung angeklagt, weil sie einem Kind nach dessen Verletzung an einem Dachbalken den Impfstoff Tetanol und Tetagam verabreicht hatten, obwohl die Kindesmutter ihre Zustimmung verweigert hatte und das Kind selbst die Tragweite einer Impfung nicht erkennen konnte, so daß eine eigene Erteilung der Zustimmung ausschied.

Nach Ansicht des Gerichts stand es aber fest, daß die Verabreichung des Impfstoffes im strafrechtlichen Sinne gerechtfertigt war und ein Vormundschaftsgericht die Einwilligung der Kindesmutter genehmigt hätte. Durch die gegenwärtige Gefahr, daß das Kind sich mit dem Tetanuserreger infiziert haben könnte, hätte zum damaligen Zeitpunkt ein möglicher Ausbruch der Krankheit den Tod oder eine schwer zu behandelnden Infektionserkrankung nach sich ziehen können. Hiergegen war nur die Verabreichung einer Tetanusimpfung geboten, die kurzfristig zu erfolgen hatte.

Gleichfalls hätten die Angeklagten nicht abwarten können, bis ein Vormundschaftsrichter die Einwilligung der Kindesmutter ersetzt hätte. Ein hypothetischer Kausalverlauf vormundschaftsgerichtlicher Befassung hätte aber kein abweichendes Ergebnis erbracht, weil dann „das Amtsgericht die fehlende Zustimmung der Mutter bereits zum Tatzeitpunkt ersetzt hätte, um das Kind vor einer Tetanusinfektion zu schützen“. Das Gericht ließ also keinen Zweifel daran, daß im Falle einer frühzeitigen Einschaltung des Vormundschaftsgerichts eine dortige Entscheidung entsprechend ausgefallen wäre. Das hiergegen von der Mutter angeführte Argument, sie habe sich am Tatabend von einer befreundeten Medizinerin beraten lassen, konnte diese Sichtweise nicht erschüttern, weil die dort von der Ärztin gemachten Mitteilungen bereits aus medizinischen Gründen nicht zutrafen: Im gerichtlichen Verfahren hatte ein Sachverständiger nämlich ausgeführt, daß einerseits „der Kontakt mit Schmutz an einem Deckenbalken genauso risikoreich wie der Kontakt mit Erde sei“. Andererseits werde auch durch eine starke Blutung keine komplette Wundsäuberung erreicht, so daß das Risiko derartiger Keime in der Wunde nicht ausgeschlossen werden könne.

Bei einer Abwägung der Gefahren bei Unterlassung der Impfung gegenüber denjenigen Gefahren, die durch eine Tetanusimpfung drohen, ergab diese Interessenabwägung ein Überwiegen des Interesses an einem Schutz des Kindes vor einer Tetanusinfektion; dies auch deshalb, weil - nach Aussage des Sachverständigen - Impfschäden überhaupt nicht bekannt seien und es (nur) mit einer extrem geringen Wahrscheinlichkeit zu vorübergehenden Lähmungserscheinungen komme, die aber rasch wieder abklängen und keine Dauerfolgen hätten.

Abschließend hat das Gericht dann nochmals zur Frage der totalen Impfverweigerung Stellung genommen:

„Die grundsätzliche Ablehnung jeglicher Impfungen durch die Kindesmutter und des Kindes selbst aufgrund deren Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie und der Schulmedizin und die diffuse Angst vor möglicherweise bisher nicht erforschten Impfschäden stellt kein Interesse dar, welches das Interesse an einem Schutz des Kindes vor einer Infizierung mit Tetanus erreichen könnte.“

Trotz dieser ausführlichen Worte des Gerichts muß man sich aber ins Gedächtnis rufen, daß hier zwei Ärzte für die Durchführung einer gebotenen Schutzimpfung Angeklagte eines Strafverfahrens geworden sind. Trotz oder gerade wegen dieser gerichtlichen Überlegungen kann es aber nicht ausgeschlossen werden, daß bei einer Unterordnung der Ärzte unter den Willen der Kindesmutter ihnen ein genau umgekehrter Vorwurf der Unterlassung gemacht worden wäre.

Wenn irgend möglich, so tut ein Arzt gut daran, in einer derartigen Situation seine Schritte genauestens zu dokumentieren und ggf. vormundschaftsgerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Daß dies nicht immer möglich ist, macht den Entscheidungskonflikt des Arztes in derartigen Situationen nicht einfacher.

19.12.2007


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